Sappeure

Unter dem Titel „Vorfahren und Zeitgenossen rheinischer Sappeure“ ist ein ausführlicher und fundierter Aufsatz von Johannes Sticker im Jahrbuch für den Kreis Neuss 2000 des Kreisheimatbundes Neuss e. V. erschienen. Im Folgenden werden einige Auszüge aus dem oben bezeichneten Aufsatz mit Genehmigung des Autors wiedergegeben.
Zum Glück und zum farbenfreudigen Gesamteindruck eines rheinischen Schützenfestes gehören historische Uniformen wie selbstverständlich hinzu. Die bunten Soldatengewänder vergangener Zeiten lassen ahnen, wie es den Potentaten in der Geschichte immer wieder geglückt ist, für ihre Söldnerheere eine ausreichende Zahl junger Männer anzuwerben. Es war der Glanz, die Schönheit der Uniformen, die die jungen Männer betörten. Sie schlüpften aus ihrem meist ärmlichen Zivilgewand in die Uniform und verwandelten sich in eindrucksvolle Repräsentanten fürstlicher Macht. Ein Teil dieses Glanzes der alten, vordemokratischen Uniformwelt lebt in unseren Schützenfesten weiter, und die Uniformen der Sappeure verzaubern das Publikum auch im Ursprungsland Frankreich bis auf den heutigen Tag.
Sappeure gab es in fast allen Heeren, auch in rheinischen, wie etwa den Heeren der Kurfürsten von Köln, Mainz und Trier, die ja nicht nur geistliche Ämter innehatten, sondern auch Landesfürsten waren. Diejenigen Sappeure rheinischen Geblüts, die in nichtrheinischen Heeren dienten, waren zwar keine rheinischen Sappeure im strengen Wortsinn, aber deren Zeitgenossen. Wo aber haben Sappeure, rheinische wie nichtrheinische, ihren Ursprung? Wo gab es die ersten Sappeure?
Dem unverkennbar französischen Wort zufolge in Frankreich, wo das Wort „sapeur“ im Jahre 1547 erstmalig bezeugt ist.
Kurz und gut: Das Wort „Sappeur“‘ gibt es seit 1547 und die Sappen, die Laufgräben, die sie bauten, sind mindestens ebenso alt, vermutlich älter, da es sie wohl gab, seitdem man befestigte Städte oder Festungen belagerte; und davon ist bereits im Rolandslied die Rede, das um 1100 entstanden ist. Im Deutschen war es ab 1661 zeitweise in der Form „Sappirer“ verbreitet.
Ich bin daher überzeugt, dass die Arbeit der Sappeure von den Infanteristen, auch Gardisten genannt, geleistet wurde, und Vauban (berühmter französischer Festungsbaumeister) erst ein gutes Jahrhundert später die Idee entwickelte, eine gesonderte Einheit von Sappeuren innerhalb der Infanterie zu bilden. In dieser Auffassung werde ich auch dadurch bestärkt, dass mindestens bis zum Ende der Napoleonischen Epoche Sappeure stets der Infanterie zugeordnet waren und deren Sturmspitze bildeten.
Am Schluss dieser Betrachtungen über die Anfänge der Sappeure noch einige handwerkliche Aspekte. Zunächst die Frage, ob die Mineure eine gesonderte Einheit der Sappeure bildeten. Das Wort „mineur“ entstand zwar schon im Jahre 1210, hatte aber lediglich die Bedeutung von Bergmann, eben jemand, der in der Mine arbeitet. Die französischen Bergleute heißen noch heute „mineurs“. Im militärischen Sinne scheint das Wort eher selten zu sein. Statt seiner erscheint meist das Wort „sapeur“.
Zu den handwerklichen Aspekten gehört auch die bei Funcken getroffene Unterscheidung zwischen Pionieren und „Werkzeugträgern“, die es erst seit 1710 gegeben habe, sodann die „Beil tragenden“ Pioniere, die durch Erlass vom 19. Januar 1747 als Frucht der Erkenntnisse im Österreichischen Erbfolgekrieg das Licht der Welt erblickten, und schließlich die „Zimmer-Soldaten“, die am 19. April 1766 jeder Infanterie-Kompanie zugeordnet worden seien.
Die so bezeichneten Soldaten hatten 1578 die Bedeutung von „travailleurs d´armée“ („Armeearbeiter“). Die Zimmer-Soldaten, gemeint sind wohl die „Zimmermann-Soldaten“, waren offensichtlich Sappeure, die es vermutlich in jeder Einheit gab. Ihre Säbel hatten statt einer Schneide Sägezähne.
Charakteristisch für die Uniform der Sappeure im 19. Jahrhundert ist die Darstellung eines Sappeurs, der 1859 zur Linien-Infanterie des Kirchenstaates gehörte.
Die kürzeste und gleichzeitig prägnanteste historische Skizze der Sappeur-Uniformen stammt aus der Feder französischer Fremdenlegionäre selbst: „Geschützt durch eine Lederschürze, ausgerüstet mit einer Axt und manchmal einer Säge, traditionell bärtig, bildeten die Pioniere oder Sappeure einen Teil der Kolonnenspitzen aller französischen Regimenter … Die Fremdenlegion hat in der französischen Armee als einzige die Tradition jener majestätischen
Kolonnen (wer dächte da nicht an unsere herrlichen Schützenfeste?!) aus bärtigen Sappeuren bewahrt, weiß behandschuht, mit Äxten und Schürzen versehen, berühmt für das Erste und Zweite Kaiserreich … Sie tragen die Schürze aus gamsfarbener Schafshaut und Stulpenhandschuhe aus gebleichtem und dann vergilbtem Büffelleder. Sie tun sich hervor durch ihre Bärte. Nachdem diese 1818 abgeschafft worden waren, wurden sie 1822 wieder eingeführt“.
Es fällt auf, dass die wohl älteste Abbildung von Sappeuren im Kreisgebiet, die Zeichnung auf dem Festplakat des Neusser Bürger Schützenvereins von 1837, also nur sechs Jahre nach der Gründung der französischen Fremdenlegion, entstand. „Sichere Kunde“ gibt es, so Joseph Lange in seinem Buch „Bürger und Bürgerssöhne“, sogar schon aus dem Jahre 1834, der zufolge das Corps mindestens bereits 1830 bestanden haben muss. So liegt der Schluss nahe, dass die Sappeure unserer Schützenfeste – wenn auch möglicherweise auf manchen Umwegen – aus dem Ursprungsland der Sappeure alias Pioniere herstammen.
Unterhalb des ruhmreichen „Altar(s) des Vaterlandes“ am Arc de Triomphe eröffnen also alljährlich die Fremdenlegionäre in ihren traditionellen (und von ihnen als einziger militärischer Formation noch getragenen) Sappeur-Uniformen die große Parade des „Quatorze Juillet“ auf den Champs Elysées. Meine vorletzten Betrachtungen will ich dem Vergleich dieses Sappeurs mit Delrather Sappeuren, die den Festzug des Jahres 1990 anführten, widmen. Sie stehen hier auch stellvertretend für so viele Sappeure der Bruderschaften und Bürgerschützenvereine des Kreises Neuss, die mir soviel freundliches Interesse entgegengebracht haben.
Die traditionelle Ausstattung ist auf beiden Abbildungen gleich erkennbar: Äxte, Schürzen und weiße Handschuhe hier wie dort. Die Bärenfellmütze ist bei dem Fremdenlegionär dem „képi“ gewichen, so genannt nach dem deutschen „Käppi“, während die rheinischen Sappeure noch eine der Bärenfellmütze ähnliche Kopfbedeckung tragen. Dafür fehlt den Delrathern der Vollbart.
Alles in allem erhellt die erstaunliche Lebenskraft einer so alten und – wer wollte es leugnen – grenzüberschreitend europäischen Tradition.

Literatur:
Sticker, Johannes: „Vorfahren und Zeitgenossen rheinischer Sappeure“, in: Kreisheimatbund Neuss e. V. (Hrsg.): „Jahrbuch für den Kreis Neuss 2000“, Neuss 1999, S. 236-249