Pfeifer und Trommler

Gemeinsam mit Dormagen bildeten die Delrather im Heimatbereich jahrzehntelang die unrühmliche Ausnahme, kein eigenes Tambourcorps aufweisen zu können. Eigentlich erstaunlich, waren und sind die Spielmannszüge in unserer Heimat doch fast so verbreitet wie Fußballvereine.
Nach Jahrzehnten war es dann aber auch in Delrath endlich so weit: Im Oktober 1997 wurde das St. Hubertus Tambourcorps „Fröhlich Voran 1997 Delrath“ gegründet. Mit der Gründung ihres Tambourcorps reihen sich die Delrather in die lange Tradition des Spielmannswesens ein.
Das Wort „Tambour“ kommt übrigens aus dem Französischen und heißt übersetzt: „Trommler“ bzw. „Trommel“. Die englische Bezeichnung dafür wird mit „drum“ vorgegeben, und als älteste deutsche Bezeichnung erscheint im frühen 12. Jahrhundert das Wort „trumme“.
Vielleicht – oder sogar wahrscheinlich – leitet sich daraus auch unser rheinisch-dialektisches „Trumm“ ab (en decke Trumm = eine dicke Trommel).
Die Trommel, mit ihren vielfältigen Formen, zählt zu den ältesten Musikinstrumenten, wenn sie nicht gar als ältestes Instrument anzusehen ist. Sie lässt sich schon im Alten Ägypten vor ungefähr 5000 Jahren nachweisen.
Im Abendland erscheinen seit dem frühen Mittelalter Trommeln. Sie sind wohl ursprünglich aus dem Orient nach Europa gelangt, vor allem während der Zeit der Kreuzzüge im 12. Jahrhundert.
Der Gebrauch der (Quer-)Flöte ist nicht weniger alt. Das Instrument stammt ebenfalls aus dem Orient. In Deutschland wurde schon um 1150 von Querflöten berichtet – also auch um die Zeit der Kreuzzüge.
Seit dieser Zeit wurde auch das Musikleben zunehmend von Trommlern und Pfeifern, den sogenannten Spielleuten, geprägt. Anfangs waren sie ein rechtloses fahrendes Volk, wurden später teilweise sesshaft und schlossen sich im 13. Jahrhundert zu Innungen zusammen. Ende des 14. Jahrhunderts gab es sogar Stadt­pfeifereien, in denen die Pfeifer eine ein-bis zweijährige Lehrzeit absolvierten. Spielleute erfreuten mit ihrer Musik die einfachen Leute in den Städten und auf dem Lande. Sie spielten mit ihren Flöten, Fiedeln, Trommeln und anderen Rhythmusinstrumenten zu Festlichkeiten und zum Tanz auf, bliesen als Stadtpfeifer oder Ratsmusiker von den Türmen und wirkten in der Kirchenmusik mit. Das Mittelalter war nicht denkbar ohne diese Spielleute beim Tanz, auf dem Jahrmarkt und bei Umzügen. Bei ihnen erlebte das Volk seine frohen und ernsten Stunden.
Ein weitreichendes Betätigungsfeld erschloss sich den Spielleuten im 14. Jahrhundert mit dem Niedergang der Ritterheere durch die aufkommenden Feuerwaffen und dem damit verbundenen Wiederaufstieg des Fußvolkes zu einer schlachtentscheidenden Waffengattung. Söldnertruppen traten an die Stelle der Ritterheere. Die Landsknechte – wie diese in der Regel für einen Feldzug oder für eine begrenzte Zeit angeworbenen Söldner in den deutschen Landen genannt wurden – unterlagen strenger Ordnung und Disziplin. In ihren Formationen erhielten Feldpfeifer und Trommler einen exakt umrissenen Platz mit klar bezeichneten Aufgaben. So war jedes bis zu 400 Mann zählende Landsknechtfähnlein verpflichtet, zwei Trommler und zwei Pfeifer zu halten. Sehr schnell erlangten die Spielleute unter den Landsknechten eine Sonderstellung, die sich nicht zuletzt auch in einem doppelten Sold ausdrückte. Sie machten mit ihren Trommeln und Pfeifen die Soldatenmusik. Diese Trommler und Pfeifer, die auch das Militär als Spielleute bezeichnete, können mit Recht und mit Stolz von sich sagen, die ältesten Soldatenmusiker zu sein.
Während des Marsches des Landsknechtshaufens ertönte die Musik der Spielleute. Für den Rhythmus sorgten die Trommeln, die Querpfeifen brachten die Melodie. Dieser Feldmarschmusik hielt die Landsknechte in Bewegung, ohne dass sie bereits den Gleichschritt kannten. Zu diesem Spiel sangen die Landsknechte ihre Lieder. Rückte ein Regiment aus, so wurden oft alle Spielleute zusammengefasst. Hier finden wir die Spielmannszüge, wie wir sie heute kennen.
Im Gefecht war der Platz der Spielleute beim Fähnrich, der mit seiner Fahne optisch wahrnehmbare Kommandos zu übermitteln hatte. Auch dieses Zusammenwirken der Spielleute mit dem Fähnrich lebt bis in unsere Tage fort, ist doch der Tambourstab von heute nichts anderes als die ihres Blattes entledigte Fahne, die einst der Landsknechtfähnrich kunstvoll geschwungen hatte. Die Trommel und die Querpfeife wurden für die zu Fuß kämpfenden Landsknechte zu Signal- und Begleitinstrumenten. Sie gaben Alarm zum Sammeln, zum Angriff und zum Rückzug.
Ob in Bayern, in der Schweiz, in Frankreich oder in Preußen – die Spielleute waren ein fester Bestandteil der Regimenter. Sie waren aus einer militärischen Formation nicht mehr wegzudenken. Dass im Königsregiment, zur Zeit des Preußenkönigs Friedrichs Wilhelm I., alle Querpfeifer Mohren waren, war eine Kuriosität, die von seinem Nachfolger, Friedrich II., nicht mehr gepflegt wurde.
Als Nachwuchs der Spielleute wurden vielfach, knapp dem Knabenalter entwachsene, Jungen eingestellt, deren Fingergelenkigkeit als Voraussetzung für die Perfektion des Pfeifens, der Trommelschläge und Trommelwirbel galt. Unter der Regierung Friedrich Wilhelm I. desertierten viele dieser jugendlichen Spielleute, weil diesen jungen Burschen der Führungsstil zu streng und der Dienst zu eintönig war.
Wie die Spielleute zum Beispiel im 16. Jahrhundert gekleidet waren, zeigen Gemälde und Grafiken der zeitgenössischen Künstler Hans Burkmair oder Albrecht Dürer. Oft waren die Spielleute in Kleidung auch ihrem Söldnerheer angepaßt. Friedrich der Große schrieb für die Spielleute sogar eine besondere Uniform und Kleiderordnung vor.
Seit jener Zeit intonierten die Spielleute auch verschiedene Kommandos. Aus dem Jahre 1698 ist eine Instruktion überliefert, die Hinweise auf einige zum Teil noch heute in Armeen übliche Spielmannsstücke, wie beispielsweise die „Vergatterung“, das damals soviel wie Versammeln oder Antreten bedeutete, den „Zapfenstreich“ sowie das bis 1945 im deutschen Heerwesen übliche „Locken“ enthält.
In der Mitte des 18. Jahrhunderts nahm der Bedarf an Pfeifern in den kämpfenden Truppen stark ab. Dem König waren die Pfeiftöne zu schwach, weil sie im Gefechtslärm untergingen.
Wenn auch nicht mehr in direkten kriegerischen Kämpfen, so gab die Flöte doch fortan bei der Blasmusik den Ton an. Das 18. Jahrhundert gilt als das Jahrhundert der Flöte:
Georg Friedrich Händel schrieb Flötensonaten, Haydn und Mozart folgten mit Flötenkonzerten und selbst der Preußenkönig Friedrich II. war ein anerkannter Flötenspieler und Flötenkomponist.
Die Bedeutung der Trommler blieb aber im Militärischen zunächst ungeschmälert. Niemals wieder fanden Trommler solche Bedeutung, solche Unterstützung, solche Verherrlichung. Kein Befehl, keine Exerzierbewegung, keine Bekanntmachung erfolgte ohne Trommelschlag.
Welche Bedeutung dem Trommler beigemessen wurde, schrieb kein geringerer als der preußische Heerführer Graf August von Gneisenau im Juni 1807 in einem Gefechtsbericht: „Ein Grenadier-Tambour, dessen Companie eine Trommel fehlte, attackierte mit dem Spaten einen feindlichen Tambour, machte ihn gefangen und erbeutete seine Trommel.“
Trotz allem endete die große Zeit der Tamboure in der preußischen Militärgeschichte mit dem Untergang der altpreußischen Armee im Jahre 1807. Fortan übernahmen die Hornisten die Rolle der Befehlsübermittler. Alle Pfeifer wurden mit dem Horn ausgerüstet und als Hornisten benannt. Der Tambour konnte sich mit dem Hornisten beim Signalgeben ablösen.
Für das Signalhorn wurden Signale geschaffen. Da gab es einen Ruf für jede Kompanie, für jedes Bataillon, für Marsch und Halt, für Feuern und Sammeln, für die Kommandeure und Adjutanten, zum Wecken und zum Zapfenstreich. Die Hornsignale gehörten zur Grundausbildung der Spielleute und sie wurden zum Allgemeingut aller Soldaten. Es mussten aber rund hundert weitere Jahre vergehen, bis die Entwicklung zweckentsprechender technischer Hilfsmittel die Befehlsübermittlung mit Trommel und Horn verdrängte.
Der Aufschwung und Siegeszug der Marschmusik im 19. Jahrhundert bezog auch die Spielleute mit ein. Die Komponisten wussten um die Wirkung der Trommeln. Schon 1838 trat bei einem Großkonzert vor dem Berliner Schloss neben den vereinigten Musik- und Trompetercorps ein Block von 150 Trommlern auf. Ihr langer Wirbel, ihr harter Takt war gewaltig und machte einen ungeheuren Eindruck. Die Spielleute wurden jetzt ganz in das musikalische Geschehen einbezogen.
Im 20. Jahrhundert entstand der Wunsch, dass Spielleute und Regimentsmusiker einige Märsche zusammen spielen. Solches Zusammenspiel fand großes Gefallen. Nach dem ersten Weltkrieg setzten daher die Reichswehr und Wehrmacht die beliebte Tradition fort und vermehrte das Repertoire.
Über den Einsatz von Spielleuten im militärischen Bereich in der Zeit nach 1945 bis zur Gegenwart zitiere ich Herrn Christian Wallis aus Bochum, ehemals langjähriger Angehöriger des Stabsmusikcorps der Bundeswehr in Siegburg: (Herr Wallis stellte uns außerdem ausführliches Material über „Pfeifer und Trommler“ aus seinem Privatarchiv zur Verfügung.) „Die Zeit nach 1945 hat für die Spielleutemusik, zumindest im militärischen Bereich, also in ihrem Ursprung, leider kaum Bedeutung, da sie von der Bundeswehr nicht mehr in angemessener Weise gepflegt wird. Beispiele: Der Spielmannszug des Stabsmusikcorps der Bundeswehr besteht zu 90 % aus Streichern, die innerhalb von sechs Wochen Trommel oder Flöte lernen. Ähnlich ist die Situation in anderen Musikcorps der Bundeswehr, sofern sie überhaupt über Spielleute verfügen. Eine musikalische Darbietung von Spielleuten bei Konzerten oder das Zusammenspiel mit Musikcorps wird aus mangelndem Traditionsbewußtsein kaum noch praktiziert.
Eine Ausnahme bildete die Nationale Volksarmee der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, die bis 1990 in alter Tradition diese Musikgattung pflegte. Beispiele: wöchentlicher Wachaufzug vor der Neuen Wache in Berlin, professioneller Spielmannszug des Wachregiments, Einsatz von Spielleuten bei Konzerten und in Fernsehsendungen.“
Signale mit der Trommel oder mit dem Horn sind heute im militärischen Bereich überholt – schon seit 1906 sind sie im Gefecht verboten. Ebenso sind die ganz großen Marschleistungen unter dem Klang der Trommeln und Pfeifen vorbei.
Doch so Einfaches, Klares wie die Musik mit Trommeln und Pfeifen scheint unvergänglich. „Fröhlich Voran“, wie der Name des Delrather Tambourcorps es vorgibt, lebt die Musik der Spielleute mit Trommeln und Pfeifen im zivilen Bereich weiter. In allen deutschen Landen, mit den Schwerpunkten in Ost- und Westdeutschland – in Süddeutschland dominiert die Blasmusik – sind die Spielleute mit Trommeln und Pfeifen in Spielmannszügen oder Tambourcorps vereint und setzen bei ihren öffentlichen Auftritten manches Glanzlicht auf.