Entwicklung des Schützenwesens

Die Ursprünge des Schützenwesens reichen bis in das frühe Mittelalter zurück. Mit der Entwicklung des Städtewesens organisierten sich die Bürger nicht nur in Handwerks- und Handelsgilden, sondern schlossen sich auch zusammen, um die gewonnene Freiheit („Stadtluft macht frei“) gegen vielerlei Bedrohungen zu verteidigen. So galt es immer wieder, die Städte gegen die ansässigen Ritter der Region und gegen räuberische Horden zu verteidigen, um Überfälle und Plünderungen abzuwehren.

Neben der Stärke der Stadtbefestigung hing der Sieg oder die Niederlage einer Stadt aber auch von den zur Verfügung stehenden Waffen und der Wehrhaftigkeit ihrer Bürger ab. Mit entsprechenden Geldmitteln förderten deshalb die Städte die Ausbildung ihrer Bürger im Armbrust­schießen. Die bereits im ersten Kreuzzug (1096 – 1099) eingesetzte Armbrust ent­wickelte sich so zur wirkungsvollsten und gefährlichsten Waffe ihrer Zeit und löste damit Pfeil und Bogen ab.

Der Zusammenschluss der Bürger erfolgte durch Gründung von Schützengesell­schaften, Schützengilden oder Schützenbruderschaften. Die allen Vereinsformen vorangestellte Wortsilbe „Schützen“ bedeutete im mittelalterlichen Sprachgebrauch nicht „schützen“ im Sinne von behüten oder beschützen, sondern „schießen“. Die Wahl der Vereinsform als Gilde oder Bruderschaft hing im wesent­lichen von dem örtlichen Verhältnis der Bürger zu ihren städtischen oder kirch­lichen Herren ab.

Das wesentliche Merkmal einer Bruderschaft (lat. confraternitas) war die enge Verbindung mit der katholischen Kirche. Erste Bruderschaften gab es bereits im 4. Jahrhundert. Während der Hauptzweck dieser kirchlichen Vereinigungen zunächst das gemeinsame Gebet war, übernahmen sie später sozial-karitative Aufgaben und förderten die öffentlichen Gottesdienste. Frauen war mit wenigen Ausnahmen der Zugang zu diesen Bruderschaften ver­wehrt.

Eine Bruderschaft wurde in der Regel durch Dekret des Bischofs als Rechtsperson errichtet. Die Mitglieder hatten bisweilen ein eigenes Kleid oder Ab­zeichen, das bei öffentlichen Prozessionen und anderen kirchlichen Funktionen getragen wurde. Neben diesem äußerlichen Zeichen der Gemeinschaft war jede Bruderschaft mit einem Heiligen ver­bunden.

Auch die Hälfte der im Stadtgebiet Dormagen existierenden Schützenvereinigungen basiert auf der Tradition der Bruderschaft mit einem Schutzheiligen:

· St. Aloysius-Schützenbruderschaft von 1868 Stürzelberg e. V.,

· St. Hubertus-Schützenbruderschaft Dormagen-Horrem e. V.,

· St. Hubertus-Schützenbruderschaft Hackenbroich / Hackhausen 1927 e. V.,

· St. Hubertus-Schützenbruderschaft Straberg 1867 e. V.,

· St. Sebastianus-Schützenbruderschaft e. V. Gohr,

· St. Sebastianus-Schützenbruderschaft Nievenheim / Ückerath 1573 e. V.
Die ältesten gesicherten Quellen über rheinische Schützenvereinigungen belegen deren Existenz bereits im 14. Jahrhundert.

Eine gesellschaftliche Unterscheidung zwischen den weltlichen Gilden und den kirchlichen Bruderschaften gab es zu da­maliger Zeit nicht, da dem mittelalterlichen Denken eine strikte Trennung zwischen Weltlichem und Geistlichem fremd war. Religiöse Pflichten hatten nicht nur die Angehörigen der Bruderschaften, sondern auch die Angehörigen der gewerblichen Gilden und Zünfte. Und so war auch den Schützengilden die Wahrnehmung kirch­licher Pflichten – wie die Teilnahme an den Fronleichnamsprozessionen, den Patronatsfeierlichkeiten und am Kirchgang – selbstverständlich. Die kirchliche Bindung der Schützengilden äußerte sich wie bei den Schützenbruderschaften auch in der Wahl und Darstellung eines Schutzpatrons (siehe hierzu auch Seiten 63 ff.).

Zur Förderung der Wehrhaftigkeit wurden von den Schützenvereinigungen neben einem Kraft- und Ausdauertraining regelmäßig Schießübungen durchgeführt. Zur Kontrolle der erworbenen Schieß­künste wurden jährlich Schießwettbewerbe veranstaltet. Diese fanden meistens an einem kirchlichen Feiertag – häufig zu Pfingsten – , am Jahrestag der Kirchweih (niederdt. Kirmes) oder an dem Festtag eines Schutzheiligen statt. Nach einem gemeinsamen Gottesdienst wurde der Schießwettkampf auf einer Festwiese außerhalb der Stadt abgehalten. Dort stand die Vogelsrute, eine zehn Meter hohe Stange, auf der – nach einigen Quellen – eine lebende Taube, eine Gans oder ein Kuckuck als Frühlingsbote befestigt war.

An dem Schießwettbewerb durften nur die Mitglieder des örtlichen Schützenvereins und der jeweilige Landesherr teilnehmen. War dieser nicht anwesend, wurden die ersten Schüsse auf den Vogel in seinem Namen abgegeben. Der beste Schütze erhielt als Schützenkönig neben Ehre und Auszeichnungen oftmals auch eine mate­rielle Entlohnung.

In der Blütezeit des Schützenwesens im 14. und 15. Jahrhundert stellte man Verbindungen zwischen den Städten her und lud sich gegenseitig zu diesen Schießwettbewerben ein. Beim sogenann­ten Freischießen durften auch die Bürger der näheren und weiteren Umgebung ihre Schießkünste unter Beweis stellen. Für die Teilnehmer und das schaulustige Volk waren zum Zeitvertreib Bier- und Weinzelte sowie Krämerstände aufgebaut. Mit Lotteriebuden und Glücksspielen ver­suchten die Veranstalter einen Teil der Kosten zu decken.

Die bislang eher kleinen Schützenfeste weiteten sich so zu regelrechten Volksfesten aus, bei denen gut gegessen, getrunken und das Tanzbein geschwungen wurde.

Mit der verstärkten Verwendung des Schießpulvers im 15. Jahrhundert mussten diese Schießwettbewerbe neu gestaltet werden. Die Durchschlagskraft der Feuer­waffen und deren Schussweiten vereitelten einen chancengleichen gemeinsamen Wettbewerb zwischen den Büchsen- und Armbrustschützen. So fanden bald getrennte Wettbewerbe statt und es entstanden jeweils eigene Schützengesellschaften. Statt auf lebende Vögel wurde nunmehr auf hölzerne Vögel geschossen. Die Vogelbauer der damaligen Zeit nahmen sich anfangs einen Papagei als Vorlage. Wie dieser exotische Vogel seinen Weg ins deutsche Schützenwesen gefunden hat, ist bis heute nicht eindeutig belegt. Dass er aber mit seinem schönen Federkleid einen wahrhaft königlichen Vogel darstellte und so dem Zwecke angemessen war, ist unumstritten. Später wurde der Papagei zunächst durch das Abbild einer Taube abgelöst. Die Taube galt in den Augen der Kirche jedoch als Friedensbote, so dass sich nach und nach der Adler als Königsvogel durchsetzte.

Im Dormagener Stadtgebiet kann lediglich ein Schützenverein seine Gründung in dieser Zeit gesichert belegen. Es handelt sich hierbei um die

· St. Sebastianus-Schützenbruderschaft Nievenheim / Ückerath 1573 e. V.

Auf eine bereits im Jahre 1636 bestandene

· St. Sebastianus-Bruderschaft in Gohr weisen Unterlagen im Pfarrarchiv St. Odilia hin.

Mit dem Aufkommen des Söldnerwesens im 17. Jahrhundert verloren die Schützen­gesellschaften ihre Bedeutung. Die Landesherren nutzten nun gegen Sold dienende Krieger zur Stadtverteidigung und investierten in die Ausbildung eigener Berufsheere. Die Mitglieder der Schützengesellschaften pflegten aber ihre vereinsinternen gesellschaftlichen Veran­staltungen weiter, und das Königsschießen diente nun ausschließlich dem sportlichen Wettkampf. Damit war der Charakter des bisherigen Volksfestes verloren gegangen.

Mit der Folge zahlreicher Kriege – dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648), dem Siebenjährigen Krieg (1756–1763), den Revolutionskriegen (1789–1799) und den Freiheitskriegen gegen Napoleon I. (1813–1815) – ließ das allgemeine Interesse der Bürger am Schützenwesen nach. Mit dem Einmarsch der Franzosen im Rheinland zum Ende des 18. Jahrhunderts war das Vereinsleben gänzlich zum Erliegen gekommen. Und mit der Eingliederung des Rheinlandes in das preußische Reich im Jahr 1815 hatten die Schützenbrüder ihre Funktion als Landes­verteidiger endgültig verloren.

Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das deutsche Schützenwesen wiederbelebt. Ausgehend vom thüringischen Raum fanden sich, gestützt von Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg-Gotha, erneut Männer zusammen, die zu Patriotismus und Brüderlichkeit aufriefen und nach Schweizer Vorbild am 11. Juli 1861 in Gotha den Deutschen Schützenbund gründeten.

Die Zielsetzung des Schützenbundes formulierte Herzog Ernst II. in der Gründungsversammlung mit den Worten: „Lassen Sie uns einen gemeinsamen Deutschen Schützenbund gründen, einmal um gemeinsame Normen zu finden für die größeren und kleineren Schützenfeste, eine gemeinsame Schützen­ordnung. Zum anderen Mal, um die ganze große Schar der Schützen des großen Bundes der bewaffneten und gut geschulten Jugend gleichsam als eine Ehrenreserve der Armee an die Seite zu stellen, wenn es sich handelt, das deutsche Vaterland zu schützen.“ (Czwalinna, S. 42) Im Jahre 1871 konstituierte sich dann auch der Rheinische Schützenbund mit Sitz in Düsseldorf.

In diese Zeit fallen zahlreiche Neugründungen von Schützenvereinen. Im Stadtgebiet Dormagen waren dies:

· Bürgerschützenverein e. V. Dormagen von 1867,

· St. Hubertus-Schützenbruderschaft Straberg 1867 e. V.,

· St. Aloysius-Schützenbruderschaft von 1868 Stürzelberg e. V.,

· Bürgerschützenverein Broich 1885 e. V.,

· St. Hubertus-Schützengesellschaft 1898 Zons e. V.
Der Vereinszweck der neu gegründeten Vereine beinhaltete insbesondere die Pflege von Brauchtum und alten Traditionen. Die vereinsinternen Schieß­wettbewerbe zur Ermittlung des Schützen­königs wurden nun zusammen mit dem Volksfest für jedermann abgehalten. So verschmolzen beide traditionellen Veran­staltungen zur heutigen Form des Schützenfestes, bei der zum Teil auch die Armbrust wieder Verwendung bei den Schießwettbewerben fand.

Der 1. Weltkrieg (1914–1918) beschränkte wiederum jegliches Vereinsleben. Auch nach Kriegsende mochte noch niemand recht an das Feiern von Schützenfesten denken. Zum einen gab es volkswirt­schaftliche Probleme angesichts der Geldentwertung (im Jahre 1923 kostete ein Glas Bier 5 Millionen Mark) und der steigenden Arbeitslosigkeit, zum anderen hatten auch die Besatzungstruppen alle Volksfeste und den Gebrauch von Schuss­waffen verboten. Durch diese Beschrän­kungen gezwungen führten während der Besatzungszeit ersatzweise einige Vereine das Hahneköppen durch. Im Stadtgebiet Dormagen gründete sich 1920 der Horremer Bürgerverein Eintracht, der in den ersten Vereinsjahren ebenfalls noch einen Hahnenkönig ermittelte. Später wandte sich der Verein dem Schützen­wesen zu und gab sich den heutigen Namen

· St. Hubertus-Schützenbruderschaft Dormagen‑Horrem e. V.

Während der Besatzungsjahre gab es in Delrath ebenfalls eine Kirmesgesellschaft, die eine Dorfkirmes feierte und einen Hahnenkönig ermittelte. Das Gründungs­jahr dieser Gesellschaft ist nicht bekannt, doch ihre Existenz ist für das Jahr 1924 noch belegt.

Im darauf folgenden Jahr 1925 gründete sich eine Delrather Scheibenschützen­gesellschaft, die sich jedoch nach ihrem ersten Heimatfest wegen finanzieller Schwierigkeiten wieder auflöste.

In der nördlichen (Kölner) Zone endete die Besatzungszeit in der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar 1926. Dieses Ereignis wurde in der gesamten Bevölkerung mit Überschwang gefeiert. Man „hörte von Holland bis zur Ahrmündung feierliches Glockengeläut über Stadt und Land“ (Stadtarchiv Dormagen 4010/19, S. 137). Befreit von der fremden Herrschaft blühte in den noch bestehenden Schützengesellschaften das Vereinsleben wieder auf oder bereits auf­gelöste Vereine formierten sich neu.

So geschah es auch in Nievenheim, wo 1926 „anschließend an eine vor 300 Jahren hier bestehende Schützenbruderschaft ein St. Sebastianus-Schützenverein gebildet“ wurde (Stadtarchiv Dormagen 4010/19, S. 141).

Im gleichen Jahr fanden zahlreiche Neugründungen von Sportschützen­vereinen, aber auch von traditionellen Schützengesellschaften statt. Zu letzteren zählt im Dormagener Stadtgebiet neben dem

· St. Hubertus Bürgerschützenverein Delrath 1926 e. V.
auch der

· Bürger-Schützen-Verein Delhoven 1926 e. V.
und die

· St. Sebastianus-Schützenbruderschaft e. V. Gohr
sowie die im darauf folgenden Jahr gegründete

· St. Hubertus-Schützenbruderschaft Hackenbroich / Hackhausen 1927 e. V.

Erst einige Jahre später gründete sich die

· Kirmesgesellschaft „Selde Blömcher“ 1935 e. V. Ückerath,

die im Stadtgebiet Dormagen neben dem Bürgerschützenverein Broich noch die Tradition des Hahneköppens aufrecht erhält. Zusätzlich pflegt diese Kirmes­gesellschaft auch den Brauch um den Kirmespatron Zachäus.

Als jüngste Schützengesellschaft des Stadtgebietes gründete sich 1949 die

· St. Sebastianus-Schützenbruderschaft Ückerath e V.,

die sich mit der bestehenden Nievenheimer Bruderschaft zu einer gemeinsamen Schützengesellschaft zusammenschloss.

Fairerweise muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass sich alle diese Neugründungen des 20. Jahrhunderts nicht auf die langjährigen Wurzeln des deutschen Schützenwesens berufen können. Dennoch haben sich auch diese „neuzeitlichen“ Schützenvereine der Pflege von Brauchtum und Tradition verschrieben. Sie leisten damit ebenso wie die älteren Vereine einen wesentlichen Beitrag zur Aufrechterhaltung der deutschen Schützentradition.
Quellen:

Stadtarchiv 4010/19 (Schulchronik der Schule zu Nievenheim, Band 1, 1879-1934)

Literatur:
Blum, Helene: „Zum rheinischen Schützenwesen“, in: Kreisverwaltung Grevenbroich (Hrsg.): „500 Jahre Rheinisches Schützenwesen“ (Katalog zur Ausstellung im Kreismuseum Zons; 20.11.-15.12.1974, 2.1.‑2.2.1975), Neuss 1974, S. 13-17

Czwalinna, Erich: „Der deutsche Schützenbund“, in: Niedersächsischer Sportschützenverband e. V. Hannover (Hrsg.): „125 Jahre Niedersächsische Schützen im Deutschen Schützenbund 1868 – 1993. Eine geschichtliche Dokumentation über das Deutsche Schützenwesen im niedersächsischen Raum“, Hannover 1993, S. 41-43

Heppe, Karl Bernd: „Düsseldorfer Schützengeschichte“ (Brauchtumsbroschüre der Stadt-Sparkasse Düsseldorf), Düsseldorf, o. J. [1966]

Lange, Joseph: „Bürger und Bürgerssöhne – 175 Jahre Neusser Bürger-Schützen-Verein 1823 1998, Neuss 1998

Mausberg, Hans: „Von der ernsten Waffenübung zum modernen Schützenfest“, in: Vereinigung der Heimatfreunde Neuss e. V. (Hrsg.): „Freut Euch des Lebens – Schützen, Schützenfrauen und Schützenfest in Neuss am Rhein“, Neuss 1998, S. 11–14

Pankalla, Heinz A. / Engler, Karl-Heinz: „Dormagen und seine Schützen“, Dormagen 1992

St. Hubertus-Schützengesellschaft 1898 Zons e. V. (Hrsg.): „Zur Geschichte des Schützenvereinswesens in Zons – Festschrift anlässlich des 100-jährigen Bestehens der St. Hubertus-Schützengesellschaft 1898 Zons e. V.“, Text und Gestaltung von Thomas Schwabach, Neuss 1998

Dr. Trump, Kurt: „Nur wer weiß, woher er kommt, weiß, wohin er geht“, in: Niedersächsischer Sportschützenverband e. V. Hannover: „125 Jahre Niedersächsische Schützen im Deutschen Schützenbund 1868 – 1993. Eine geschichtliche Dokumentation über das Deutsche Schützenwesen im niedersächsischen Raum“, Hannover 1993, S. 335-338

Wiesscholleck, Bernd: „Der Schützenvogel“, in: Bezirksverband Neuss e. V. im Bund der historischen deutschen Schützenbruderschaften e. V. (Hrsg.): „Lebendiges Schützenbrauchtum 1950 ‑ 2000. 50 Jahre Bezirksverband Neuss. Neuss 1999

Zeller, Alfred P.: „Waffen des Abendlandes“, München 1966